Anastasia, Band 5 • Wer sind wir? (Taschenbuch)

Wladimir Megre:

Anastasia, Band 5 • Wer sind wir? (Taschenbuch)

Band 5 der Anastasia-Reihe.

Leseprobe

Der unvergängliche Garten

Leseprobe aus Kapitel 6:

In der Ferne sahen wir eine grüne Fläche von etwa einem Hektar Größe mit dichtem, hohem Baumbewuchs. Sie erschien wie eine natürlich gewachsene Waldinsel in einem Meer von Wiesen und Feldern. Als wir näher herankamen, erblickte ich in dem Dickicht von zweihundertjährigen Eichen und Sträuchern eine Art Eingang in die Waldoase. Wir traten ein, und innen streckten mir alte, knorrige Apfelbäume ihre Zweige entgegen. Die Äste waren schwer beladen mit Früchten. Die Bäume wuchsen mitten im Gras. Obwohl hier niemand gesprüht oder die Erde umgegraben hatte, waren die Früchte reif und wurmfrei. Einige Bäume waren so alt, dass ihre Äste unter der Last der Äpfel abgebrochen waren. Es war wohl ihr letztes Jahr, in dem sie Früchte trugen. Sicher würden sie bald sterben, aber aus der Erde neben den alten Apfelbäumen schossen bereits Triebe neuer Bäume hervor.

«Wahrscheinlich», so dachte ich mir, «werden sie nicht eher sterben, bis sie die jungen Triebe aus ihren eigenen Samen heranwachsen sehen.»

Während ich so durch den Garten schlenderte, von den Früchten kostete und die alten Eichen bewunderte, die ringsumher wuchsen, war mir, als hörte ich die Gedanken der Menschen, die diese Oase geschaffen hatten: «Hier um den Garten müssen Eichen gepflanzt werden; sie werden den Garten vor Frost schützen oder in dürren Jahren vor der Hitze. Hoch in den Wipfeln der Bäume werden Vögel nisten und das Treiben der Raupen einschränken. Hier am Ufer des Sees soll eine Allee aus Eichen angelegt werden. Später werden die Baumkronen ein Schatten spendendes Dach bilden.»

Plötzlich durchfuhr mich ein noch unklarer Gedanke, der mir das Blut in die Adern trieb. Was nur wollte dieser Gedanke von mir? Da kam es mir … natürlich, Anastasia! Ja, wie sehr hattest du Recht mit deiner Aussage: «Der Mensch kann Gott in Seinen Werken erkennen, indem er sie wahrnimmt und weiter gestaltet.»

Wir brauchen keine Grimassen zu schneiden, in die Luft zu hüpfen oder sonstige neoesoterische Rituale auszuüben, um Seine Wünsche und unsere göttliche Bestimmung zu verstehen. Nein, wir können uns direkt an Ihn wenden.
Da stand ich nun unter den Eichen am Ufer des handgegrabenen Teiches und las die Gedanken eines Menschen, eines Russen, der zweihundert Jahre zuvor durch seine lebendige Schaffenskraft einen wahren Paradiesgarten angelegt und wahrscheinlich mehr als andere den Plan Gottes erkannt hatte. Dies war sein Garten, sein Familienlandsitz. Ich danke dir, du unbekannter Russe! Inzwischen bist du gestorben. Was geblieben ist, sind all die Früchte, an denen sich die Kinder der umliegenden Dörfer im Herbst gütlich tun. Einige der Früchte werden sicher auch gesammelt und verkauft. Wahrscheinlich wolltest du, dass hier deine Enkel und Urenkel leben. Natürlich wolltest du das! Denn du hast nicht irgendeine vergängliche Hütte gebaut, sondern etwas Zeitloses, etwas Unvergängliches geschaffen. Doch wo sind sie jetzt, deine Enkel und Urenkel? Dein Anwesen liegt verlassen da. Bald wird der Teich völlig austrocknen. Die ­einstige Allee ist aus irgendeinem Grund gar nicht von Unkraut überwuchert, sie ist nur mit einem weichen Grasteppich bedeckt. Wahrscheinlich wartet der von dir geschaffene Paradiesgarten noch heute auf die Ankunft deiner Enkel. Jahrzehnte, Jahrhunderte sind inzwischen vergangen, und er wartet noch immer. Doch wo sind sie? Wem dienen sie, wen beten sie an? Wer hat sie hier hinausgeworfen?

Ist die Revolution an allem schuld? Natürlich, was auch sonst? Nur geschieht so eine Revolution nicht rein zufällig, sie wird von der breiten Masse herbeigesehnt. Was ist in den Köpfen deiner Zeitgenossen vorgegangen, du unbekannter Russe?
Wie wurde dein Anwesen ruiniert?

Später erfuhr ich von alten Dorfbewohnern, dass der Gutsherr auf seinem Grundstück ein Blutbad verhinderte. Die Revolutionäre aus den beiden Nachbardörfern hatten ausgiebig Dünnbier gezecht und sich zusammengerottet, um den Gutshof zu plündern. Der alte Gutsherr trat ihnen mit einem Korb voller Äpfel entgegen und wurde durch einen Schuss aus einer doppelläufigen Flinte getötet. Bereits am Tage zuvor hatte er von dem Plan erfahren, aber er floh nicht. Stattdessen überredete er seinen Enkel, einen russischen Offizier, dazu, das Anwesen zu verlassen. Der Enkel war ein erfahrener Frontkämpfer, ausgezeichnet mit dem Georgskreuz. Zusammen mit seinen Regimentskameraden, alle mit einem Mosin-Nagant über der Schulter, fuhr er los; ein kampferprobtes Maschinengewehr hatten sie auch mit dabei. Wahrscheinlich ist der Enkel des Gutsherrn ins Ausland gegangen und hat inzwischen selber schon Enkel und Urenkel.

Deine Nachkommen, o Russe, wachsen irgendwo in einem anderen Land auf, während auf deinem Gutshof die Blätter im Winde tanzen und die alten Apfelbäume Jahr für Jahr so viele Früchte tragen, dass die Bewohner der Nachbardörfer hier gemeinsam ernten. Von dem Gutshaus ist nichts mehr übrig, auch die Nebengebäude wurden abgerissen und als Baumaterial verwertet. Allein der Garten trotzt dem Zahn der Zeit, wohl in der Hoffnung, dass deine Enkel eines Tages zurückkommen und diese besten Äpfel der Welt kosten können. Aber sie kommen und kommen nicht …

Warum ist alles so geschehen? Wer zwingt uns, auf Kosten anderer nach unserem eigenen Wohl zu trachten? Wer zwingt uns, staubige, mit giftigen Gasen versetzte Luft zu atmen anstatt reiner, mit Blütenstaub angereicherter Luft? Und wer zwingt uns, verdorbenes Wasser zu trinken? Wer sind wir eigentlich? Und warum, o unbekannter Russe, kehren deine Enkel nicht wieder auf dein Gut zurück?

Unsere Realität

Leseprobe aus Kapitel 22:

Der ungeschlachte Bursche starrte wie gebannt auf Anastasia und folgte gehorsam ihren Worten, indem er sich auf ihren Stuhl setzte. Wir aber gingen zu zweit in Richtung Ausgang.

Ich nahm mir vor, zunächst einen sicheren Abstand vom Restaurant zu gewinnen, ein wenig spazieren zu gehen, wie Anastasia es wollte, dann ein Taxi zu nehmen und zu mir nach Hause zu fahren. Es war zehn Uhr abends. Wir stiegen von der schattigen Allee hinab an das steinige Meeresufer. Wir hatten das Wasser noch nicht ganz erreicht, da hörte ich hinter uns die Bremsen quietschen. Ich drehte mich um und sah, dass aus einem Jeep am Straßenrand fünf kräftige Männer ausstiegen und in unsere Richtung liefen. Im Nu hatten sie uns umringt, da erblickte ich Lenas Rohling, der etwas von den vier anderen entfernt stand, aber das Gespräch begann: «Hallo, Freundchen, du bist hier fehl am Platze. Deine Dame langweilt sich ohne dich in der Kneipe.»

Ich sagte nichts. Nach einer Pause fuhr er fort: «Du bist wohl taub, Freundchen. Ab in die Kneipe, hab ich gesagt. Du hast deine Dame verwechselt und bist mit einer anderen abgeschoben. – ­Leute, ich glaube, wir müssen etwas nachhelfen.»

Das mir am nächsten stehende Muskelpaket machte einen Schritt auf mich zu. Ich schaltete schnell und schrie laut: «Lauf, Anastasia, schnell!» Fest entschlossen, mit allen Kräften zu kämpfen, damit Anastasia fliehen konnte, versuchte ich den Kerl zuerst zu schlagen, aber er wehrte meine Faust ab und versetzte mir einen Hieb auf den Solarplexus und einen ins Gesicht. Ich fiel rücklings zu Boden und wäre mit dem Kopf auf die Steine aufgeschlagen, hätte Ana­stasia ihn nicht abgestützt.

Mir war schwindlig, und ich konnte kaum atmen. Auf dem Boden liegend, sah ich die metallbeschlagenen Schuhe meines stämmigen Gegners auf mich zukommen. «Gleich knallt’s», schoss es mir durch den Kopf. Ich sah den Schuh auf mein Gesicht zufliegen, da tat Anastasia etwas, was wohl viele Frauen in einer solchen Situation getan hätten: Sie schrie auf. Aber was war das für ein Schrei! Nur im ersten Augenblick war er normal zu nennen, dann musste er irgendwie in den Ultraschallbereich entschwunden sein, doch noch immer schien er meine Trommelfelle zum Platzen bringen zu wollen. Ich sah, wie die Männer um uns herum verschiedene Gegenstände fallen ließen und sich die Ohren zuhielten. Drei von ihnen sanken in sich zusammen und krümmten sich am Boden. Anastasia aber hielt mir mit ihren Händen die Ohren zu, holte tief Luft und schrie weiter. Keiner der Männer konnte sich mehr auf den Beinen halten, und sie verstanden nicht einmal, wo dieser schrille, unerträgliche Ton herkam. Selbst ich litt trotz meiner verdeckten Ohren unter seiner schneidenden Wirkung, wenngleich sicher nicht so stark wie anderen. Dann sah ich, wie von der Straße eine Gruppe Frauen auf uns zukam. Anastasia hörte auf zu schreien und nahm ihre Hände von meinen Ohren. Ich setzte mich auf einen Stein. Die Frauen waren mit den verschiedensten Schlaggegenständen ausgerüstet: Eine hielt eine Flasche in den Händen, eine andere einen Schraubenschlüssel, eine Dritte einen schweren Kerzenleuchter und wieder eine andere einen Gummiknüppel. Allen voran schritt Anka Putanka mit einer abgebrochenen Sektflasche. Aus einem der beiden Shigulis, die ­nahe beim Jeep standen und mit denen die Frauen gekommen waren, zwängte sich als Letzte langsam eine dicke Frau im Bademantel heraus – wahrscheinlich kam sie direkt aus dem Bett und hatte es nicht mehr geschafft, sich umzuziehen. Anscheinend hatte die Anführerin der Prostituierten wie bei einem Alarm all ihre Geschäftsfreundinnen zusammengerufen.

Vor uns liegt die Ewigkeit

Leseprobe aus Kapitel 24:

Ich hatte vor dem Schlafengehen vergessen, die Vorhänge zuzuziehen, und so schien die aufgehende Sonne direkt auf mein Bett und weckte mich auf. Wie gut hatte ich geschlafen! Ich war bester Laune, fühlte mich wie neugeboren und hatte sogar Lust auf Morgengymnastik. Da hörte ich aus der Küche das leise Klappern von Geschirr. «Ist ja ein Ding», dachte ich, «Anastasia scheint tatsächlich Frühstück zu machen. Dabei weiß sie doch gar nicht, wie man mit den Küchengeräten umgeht und das Gas einschaltet.» Vielleicht sollte ich ihr helfen. Ich zog mir meinen Trainingsanzug an, öffnete die Küchentür, und als ich Anastasia sah, durchlief mich ein warmer Schauer.

Zum ersten Mal sah ich die Taiga-Einsiedlerin nicht auf ihrer sibirischen Waldlichtung, sondern in der für Millionen von Hausfrauen typischen Umgebung – in einer gewöhnlichen Küche. Sie beugte sich gerade über den Herd und versuchte, die Gaszufuhr zu regulieren, was aber bei dem alten Modell nicht gerade ein Kinderspiel war.

In der Küche sah Anastasia wie eine ganz gewöhnliche Frau aus. Wieso nur hatte ich sie gestern mit meinem Kniefall erschrocken? Ich hatte wohl etwas zu viel getrunken oder war einfach übermüdet gewesen.

Anastasia spürte, dass ich sie beobachtete, und drehte sich zu mir um. Auf einer Wange sah ich eine Mehlspur, und eine Haarsträhne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, klebte an ihrer schweißnassen Stirn. Anastasia lächelte. Und dann ihre Stimme, ihre wundervolle Stimme …

«Einen schönen guten Morgen, Wladimir. Das Frühstück ist fast fertig. Wenn du aus der Dusche kommst, wird alles bereit sein. Du kannst ruhig ins Bad gehen, ich werde hier sicher nichts beschädigen. Ich bin ganz gut allein zurechtgekommen …»
Anstatt jedoch ins Bad zu gehen, stand ich wie verzaubert da und betrachtete Anastasia. Es war, als sähe ich zum ersten Mal in den fünf Jahren unserer Bekanntschaft, wie außergewöhnlich schön diese Frau war. Ihre Schönheit ist kaum mit Worten zu beschreiben. Sogar mit den Mehlflecken auf der Wange, mit ihrem unfrisierten, einfach gebundenen Haar und ihrer schlichten Kleidung strahlte sie geradezu vor Schönheit.

Ich ging ins Bad. Während ich mich gründlich rasierte und eine Dusche nahm, ging mir Anastasias Schönheit nicht aus dem Kopf. Dann kehrte ich zurück ins Schlafzimmer und setzte mich, anstatt weiter in die Küche zu gehen, auf das bereits gemachte Bett, weil ich in einem fort an Anastasia denken musste.

Fünf Jahre kannte ich diese Frau nun schon, diese Einsiedlerin aus der sibirischen Taiga. Fünf Jahre – wie sich mein Leben in dieser relativ kurzen Zeit doch gewandelt hatte! Eigentlich waren wir nur selten zusammen gewesen, aber doch war es, als wäre sie immer in meiner Nähe gewesen. Ihr war es zu verdanken, dass sich die Beziehung zu meiner Tochter zum Besten gewendet hatte. Meine Frau hatte ich zwar seit fünf Jahren nicht mehr gesehen, aber wir telefonieren öfters miteinander, und in ihrer Stimme kann ich weder Kränkung noch Gefühlskälte entdecken. Sie hat mir berichtet, dass alles in der Familie in Ordnung sei.

Anastasia … sie war es auch gewesen, die mich geheilt hatte. Was die Ärzte nicht konnten, das hatte sie geschafft. Eigentlich hatte ich den Tod schon vor Augen gehabt, doch sie hatte mich geheilt und mich dazu noch berühmt gemacht. Meine Bücher bringen mir mittlerweile eine Menge Geld ein, und sie sind ja nichts anderes als ihre Worte. Sie spricht immer in gütigem Ton mit mir, ohne mir je böse zu werden. Wie oft war ich zornig auf sie geworden, doch sie hat es mir nicht ein einziges Mal mit Gleichem vergolten. Natürlich hat sie mein Leben von Grund auf umgekrempelt, aber stets nur zum Guten hin. Außerdem hat sie mir einen Sohn geschenkt!