Der Schmetterlingskokon

Hannes Bichsel:

Der Schmetterlingskokon

Roman.

Leseproben

Anfang des Romans (Kapitel 1):

Begonnen oder geendet hatte alles mit einem Kaugummi. Auf der Rückfahrt aus unserem Urlaub wollte Lily nach drei Stunden Fahrt auch einmal das Steuer übernehmen, damit ich mich ein wenig entspannen könne. Ich verpasste den Moment, um das Angebot abzulehnen. Ich war nämlich ein unausstehlicher Beifahrer. Auf dem Nebensitz fühlte ich mich den Bedrohungen des Straßenverkehrs ohnmächtig ausgeliefert.

Wir fuhren auf der Autobahn. Angespannt hielt ich mich an den Armlehnen fest. Lily war eine tolle Frau, meine große Liebe. Aber sie fuhr so, wie sie auch sonst war: unkonventionell. Verkehrsschildern und Armaturenanzeigen schenkte sie wenig Beachtung. Strafzettel tat sie jeweils mit der Bemerkung «Es gibt Schlimmeres» ab.

Den Blick geradeaus auf die Straße gerichtet, tastete Lily mit der rechten Hand nach einem Kaugummi. Es war ein Ritual: erst der Kaugummi, dann die Zigarette.

«Bitteschön», sagte ich, während ich ihr den Kaugummi in die offene Handfläche legte. Als Lily dann nach einer Zigarette suchen wollte, hatte ich bereits eine angezündet, um sie ihr zu reichen, damit sie nicht unnötig abgelenkt wäre. Der Moment war jedoch ungünstig, da Lily gerade auf die Überholspur wechselte, wobei sie den Blinker viel zu spät betätigte. Ich verkniff mir eine Bemerkung.

Meine Liebste hielt jetzt die brennende Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand, die sie gleichzeitig zum Lenken brauchte. Dann drückte sie mit der linken den Knopf, um die Fensterscheibe einen Spalt weit zu öffnen. Da unser Wagen keinen Aschenbecher hatte, rauchten wir jeweils bei leicht geöffnetem Fenster. Man schnippte die Asche durch die schmale Fensterlücke in den Fahrtwind, was meistens ganz gut klappte.

Lily ließ den Rauch durch ihre sinnlichen Lippen entweichen. Langsam kauend war sie mit sich und der Welt zufrieden.

Wir überholten einen weiteren Wagen. Lily betätigte den Blinker nach rechts, bevor sie wieder auf die rechte Fahrspur einbog.

«Warum liest du nicht?», fragte Lily. «Du hättest doch jetzt schön Zeit, um die Zeitung zu lesen. Entspann dich, genieße es, dass ich für dich fahre!»

«Schon alles durchgeblättert. Nichts wirklich Interessantes drin.» Ich verkrampfte mich weiterhin auf dem Beifahrersitz und hoffte das Beste für uns. Ohne den Kopf zu wenden, schielte ich durch die Sonnenbrille auf den Tachometer. Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht: Wir fuhren viel zu schnell.

«Was sind das für Kaugummis?», fragte Lily. Ausgerechnet ihre Lieblingskaugummis mit dem Fruchtgeschmack waren im Tankstellenshop nicht erhältlich gewesen, also hatte ich ein mir unbekanntes Produkt gekauft. Als ich im Auto die Packung öffnete, stellte ich erleichtert fest, dass ich etwas Fruchtiges erwischt hatte. Allerdings waren diese Kaugummis um einiges größer. Kleine Unterschiede können jedoch manchmal fatale Folgen haben.

«Der Kaugummi ist mir zu groß», sagte Lily nach wenigen Minuten. Sie nahm ihn aus dem Mund und schob ihn durch die schmale Scheibenlücke. Weil aber ein Kaugummi spezifisch schwerer ist als Asche, blieb er auf der Außenseite hängen und klebte an der Scheibe fest. Der Gummiklumpen trotzte dem Fahrtwind und rührte sich nicht mehr vom Fleck. Lily merkte von alledem nichts. Hätte sie auch nur ein einziges Mal die Absicht verspürt, in den Außenspiegel zu schauen, hätte die Gummimasse ihr Blickfeld bestimmt gestört. Lily benützte diesen Spiegel jedoch selten oder gar nicht.

Ich überlegte mir, wie der Kaugummi wohl am besten zu entfernen wäre. Da hatte ich eine Zwei-Fliegen-auf-einen-Streich-Idee: «Hältst du beim nächsten Rastplatz mal an, Schatz?», fragte ich. «Ich muss dringend.» Aber ehrlich, mein Harndrang war nicht der primäre Grund für meinen Vorschlag. Ich wollte einfach den Kaugummi beseitigen und – noch viel wichtiger – mich anschließend wieder wie selbstverständlich hinter das Steuer setzen.

Auf dem Rastplatz versuchte ich als erstes, mit einem Feuchttüchlein den hartnäckigen Klumpen zu entfernen. Mit wenig Erfolg, denn die Feuchtigkeit veränderte nur die Konsistenz des Gummis, der nun auf der halben Fensterscheibe verschmiert war, sodass sich eine milchglasähnliche Wolke bildete.

«Was machst du da?», fragte Lily.

«Wollte zuerst noch den Kaugummi wegmachen», murmelte ich, leicht genervt.
«Oh, den habe ich gar nicht gesehen. Aber geh jetzt endlich, sonst passiert noch etwas.»

«Sonst passiert noch etwas»: Das waren die letzten Worte meiner geliebten Lily, an die ich mich erinnern kann.

Ich kam zum Wagen zurück und sagte: «Ich fühle mich erleichtert und bin auch wieder fit. Lass mich bitte den Rest bis nach Hause fahren!»

Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte ich mich rasch auf die Fahrerseite und fuhr los. Bei der Rastplatz-Ausfahrt beschleunigte ich das Tempo, stellte den Blinker und wollte in den Außenspiegel schauen. Mattscheibe. Dann ein fürchterlicher Knall.

Das war’s.

Aus Kapitel 8:

Seit Daniels Tod waren nun einige Wochen vergangen. Lily fühlte sich ausgelaugt, traurig, antriebslos. Sie hatte das Gefühl, als wäre ihr Lebensfaden durchtrennt worden. Auch die beiden Katzen, die ihr um die Beine strichen, machten einen unruhigen und verstörten Eindruck. Wenn Lily am Morgen die Schlafzimmertür offen ließ, musste sie damit rechnen, am Abend Katzendreck auf dem Bett vorzufinden.

Seit Tagen war sie niemanden mehr begegnet, denn sie ging kaum mehr außer Haus. Und wenn sie einmal von weitem eine Nachbarin sah, hatte sie das Gefühl, als ob sich diese absichtlich abwende, um nicht ein Gespräch beginnen zu müssen.

Lily fühlte sich einsam und deprimiert. Ihre Jeans waren ihr inzwischen zwei Nummern zu groß, so sehr hatte sie abgenommen. Die Haushaltsarbeiten schob sie von Tag zu Tag auf, und wenn sie mal den Briefkasten leerte, legte sie die Post ungeöffnet irgendwo in der Wohnung ab. Sie mochte den Inhalt der Kuverts gar nicht ansehen, denn sie fürchtete sich vor Rechnungen oder gar Mahnungen. Die finanziellen Dinge waren in den vergangenen Jahren von Daniel erledigt worden. Lily wusste nicht einmal, wie er es im einzelnen gemacht hatte. Und da sie nicht verheiratet gewesen waren, hatte sie keinen Zugriff auf Daniels Bankkonto.

Wenn sie in den Kühlschrank schaute, starrte ihr ein halb leerer Joghurt öde entgegen. Ein paar Kaffeetassen lagen ungewaschen im Spülbecken. Die Teppiche waren voller Katzenhaare. Die arme Frau fühlte sich der Verzweiflung nahe. Ihre Spontaneität und Lebensfreude hatte sie verloren. Finanziell stand sie praktisch vor dem Aus, Existenzängste begannen sie zu plagen. Sie sah keine Perspektiven mehr.

Der einzige Mensch, der sich regelmäßig bei ihr meldete, war ihre beste Freundin Rosanna, eine energische Italienerin, verheiratet, zwei Kinder. Lily und Rosanna kannten sich noch gar nicht so lange.

Recht außergewöhnlich, wie sich die beiden Frauen zum ersten Mal begegnet waren: Lily sah im Schaufenster eines Schmuckgeschäftes eine silberne Halskette, wie sie sie seit langem suchte. So betrat sie den Laden, in dem Rosanna als Verkäuferin arbeitete. Als sie sich bei der Begrüßung in die Augen schauten, hatten beide das Gefühl, als würden sie sich längst von irgendwo her kennen. Sie spürten auf Anhieb eine gemeinsame Wellenlänge.

Nachdem Lily die Silberkette bezahlt hatte, sagte die Italienerin: «Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich finde, Sie sind eine ganz tolle Frau. Wollen wir nicht gelegentlich zusammen einen Kaffee trinken? Keine Sorge, ich bin nicht vom anderen Ufer. Sie sind mir einfach extrem sympathisch.»

Lily lachte: «Ja, mir geht es genauso, und ich bin froh, dass Sie diesen Vorschlag machen. So etwas ist mir noch nie passiert. Zum Glück sind Sie kein Mann, sonst würde ich natürlich vehement ablehnen. Sie wissen ja, wie die Männer sind …»

Es dauerte nicht lange, bis Rosanna Lilys beste Freundin war, und umgekehrt. Beide hatten den gleichen Geschmack, sie lachten gerne zusammen und redeten viel, am liebsten über Beziehungen. Schon nach kurzer Zeit vertrauten sie sich die persönlichsten Dinge an, die sie sonst mit niemandem teilen konnten. Beide waren Mitte vierzig und sehr attraktiv, aber man schätzte ihr Alter auf höchstens Ende dreißig ein.

Es war so schön: Gute Freunde müssen nicht überlegen, wie sie miteinander umgehen sollen, welche Worte sie wählen, um nicht missverstanden zu werden. Unter besten Freunden trifft man immer den richtigen Ton.

Nach Daniels Tod kapselte sich Lily völlig ab und ging allen anderen Menschen aus dem Weg. Wenn das Telefon klingelte, schaute sie ängstlich auf das Display und nahm den Anruf nur dann entgegen, wenn ihre Freundin dran war.

Eines Tages konnte Rosanna sie zu einem gemeinsamen Drink in ihrer Lieblings-Lounge überreden. Es sei höchste Zeit, wieder einmal unter die Leute gehen. Nach kurzem Zögern gab sich Lily einen Ruck und sagte zu.

Aus Kapitel 18 (von insgesamt 53):

«Ich werde mich verweigern», entschied Paul. «Ich mache in dieser Gesellschaft einfach nicht mehr mit.» Dieser Gedanke gefiel ihm und ließ ihn hellwach werden. Wie ein Brett lag er lang ausgestreckt auf dem Rücken. Mehrere Gedanken klopften gleichzeitig in seinem Gehirn an. In solchen Momenten überließ er seinem inneren Spieler gerne den Vorrang: «Was wäre, wenn ich jemand Anderes wäre?», dachte er. «Was wäre, wenn Paul Walker einfach nicht mehr existierte?»

Er stand auf und stellte sich unter die Dusche. Das warme Wasser rann über seinen Scheitel und perlte über den nackten Körper, ein behagliches, ja erregendes Gefühl erzeugend. Er stellte sich vor, er stünde in einem tropischen Land unter einem Wasserfall und atme den Duft von Jasminblüten ein. Diese Phantasie war so ziemlich das Gegenteil von Frühturnen bei kaltem Regenwetter in einer Reha-Klinik.

Nachdem er sich trocken gerubbelt hatte, zog er sich den Bademantel über. Der Entschluss, auszubrechen und etwas Verrücktes zu tun, war jetzt gefasst. Um dies symbolisch zu unterstreichen, ging er zum Kühlschrank und öffnete die Flasche, die er tags zuvor am Bahnhof gekauft hatte. Prosecco auf nüchternen Magen, vor dem Frühstück, war zwar unsinnig, aber noch um einiges besser als in der Kälte draußen auf Kommando Kniebeugen zu machen.

Er schenkte das spritzige Getränk in ein unpassend dickes Wasserglas ein, lehnte sich im Massagestuhl zurück und ließ das Vibrationsprogramm laufen. Wohlig spürte er, wie sich der erste Schluck seinen Weg von der Zunge in den Hals und durch die Brust hinunter in den Magen bahnte.

«Welche Konsequenzen hätte es, wenn ich einfach verschwände?», überlegte er. «In der Klinik würden sie es sofort bemerken, mich suchen und umgehend die Polizei einschalten. Die haben bestimmt ein Notfallszenario für Suizidgefährdete. Nein, so geht es auf keinen Fall. Ich muss es geschickter anstellen.»

* * *

Die kroatischen Zimmermädchen wunderten sich, dass das Appartement 524 auf einmal leergeräumt war. Niemand hatte ihnen gesagt, dass der Patient heute ausziehen würde.

Walker hatte sich einen Plan zurechtgelegt und diesen sogleich in die Tat umgesetzt. Wenn er sich nämlich etwas wirklich Wichtiges vorgenommen hatte, dann pflegte er auch umgehend danach zu handeln.

Binnen weniger Minuten hatte er seine Sachen in den Koffer gepackt und war zur Rezeption gegangen. Dort teilte er der Empfangsdame mit, dass er seinen Aufenthalt frühzeitig beenden müsse, weil er es in der Klinik nicht mehr aushalte. Eilig wurde Dr. Burgmaier herbeigerufen, und nach einer überzeugenden Darlegung Walkers, dass es ihm zu Hause im gewohnten Umfeld bestimmt wohler sei als hier und dass er sich gleich bei seinem Hausarzt melden werde, stimmte der Psychiater dem vorzeitigen Abbruch unter größten Bedenken zu.

Nach der Erledigung der Austrittsformalitäten stieg Walker in die Tiefgarage hinunter, verstaute den Koffer in seinem Offroader und setzte sich hinter das Lenkrad. Sein Herz pochte. Er drehte den Zündschlüssel und ließ den Sechszylinder erzittern.

Vom Zimmer aus hatte er Susanne angerufen, um ihr mitzuteilen, dass er noch für zwei weitere Wochen bleiben müsse. Seine Frau war enttäuscht und fragte, ob sie ihn wenigstens am Wochenende besuchen dürfe.

«Das geht leider nicht», entgegnete er. Aus therapeutischen Gründen sei vollständige Ruhe angesagt, jede Aufregung sei zu vermeiden.

«Rege ich dich denn auf?», fragte Susanne leicht beleidigt.

«Nein, natürlich nicht», log Paul erneut.

Draußen vor dem Tiefgaragentor standen ein paar seiner Raucherkollegen. Sie wunderten sich darüber, dass Walker um diese Uhrzeit wegfuhr, war es doch den Patienten strengstens untersagt, sich unerlaubt aus der Klinik zu entfernen. Den kleinen Dicken mit den schwarzen Haaren hätte er beinahe angefahren, als sich dieser direkt vor den Wagen stellte, um Paul aufzuhalten. Mit der Bemerkung «Bin gleich wieder da!» fuhr er an der verdutzten Gruppe vorbei Richtung Dorf. Der Baggerfahrer hätte gerne noch eine Zigarettenbestellung aufgegeben, aber er kam zu spät.

An der Hauptstraße stellte Walker den Blinker zuerst nach rechts, fuhr dann aber doch kurz entschlossen nach links. Er wusste nicht, wohin die Reise gehen werde. Er wusste nur, dass der Weg nach rechts eher nach Hause geführt hätte. Er schaltete das Radio ein, drückte den Fensterknopf und ließ den kalten Wind durch den schmalen Spalt eindringen. Dann zündete er sich eine Zigarette an und genoss seine neu gewonnene Freiheit in tiefen Zügen.